Das Leben und Wirken drei der berühmtesten DDR-Schriftstellerinnen war eng miteinander verstrickt und beschreibt Hinwendung zum und Abkehr vom sozialistischen Staat

Carolin Würfel hat sich eine grosse Aufgabe gestellt: drei der bekanntesten Schriftstellerinnen der DDR – der Klappentext des Verlags spricht gar von Ikonen – , Christa Wolf, Brigitte Reimann und Maxie Wander, vergleichend zu portraitieren. Dieses Unterfangen ist insofern eine grosse Aufgabe, als dass man mit dem Lebensweg jeder Einzelnen dieser Frauen, mit ihren Träumen und Widersprüchen, ihrem Werk und dessen Rezeption ganze Regale füllen könnte. Carolin Würfel betrachtet vor allem, wie die drei Autorinnen sich aus den biografischen Erkenntnissen der eigenen Jugend in der DDR mit ihren sozialen Versprechungen für eine bessere Welt sprichwörtlich verschrieben – und letztlich scheiterten.

Politisches Erwachen

Würfel beschreibt in ihrem Buch chronologisch und im Wechsel, woher Wolf, Reimann und Wander kommen: Detailliert werden die unterschiedlichen Milieus und Herkunftsorte der drei Frauen und ihrer Familien dargelegt – eine überzeugtes Mitglied des BDM in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, eine aufgewachsen in Sachsen-Anhalt und eine in einer österreichischen kommunistischen Familie. Würfel erzählt zumeist von bekannten Dingen aus dem Leben der drei Schriftstellerinnen. Von Brigitte Reimann, die Zeit ihres Lebens durch ihre Kinderlähmung geprägt war, da der Gehfehler sichtbar war.

Wie sie durch ihren durchaus kitschig-pathetischen Roman „Die Frau am Pranger“ als junge Frau in der DDR über Nacht berühmt wurde. Wie sie dem Ruf „Greif zur Feder, Kumpel“ der Bitterfelder Konferenz 1959 folgte und nach Hoyerswerda zog, um dort der Neustadt mit „Ankunft im Alltag“ ein literarisches Denkmal zu setzen und ein neues Genre, die sogenannte Ankunftsliteratur, zu begründen. Würfel erzählt von den Ehen der Reimann und den Affären, von der Freundinnenschaft mit Christa Wolf, von der unbändigen Liebe zum Leben, mit der sie sich mit aller Kraft gegen den Krebs stemmte – und den Kampf mit nur 39 Jahren verlor.

Würfel erzählt von Christa Wolf, die ein überzeugtes BDM-Mädel gewesen war. Sie erzählt von Wolfs Einsicht, dass das falsch war, und dass sie das in den Anfängen der DDR zu einer noch überzeugteren Sozialistin machte. Würfel erzählt von der strengen Christa Wolf mit zwei Kindern. Wie Christa Wolf vom Ministerium für Staatssicherheit zuerst erfolgreich angeworben wurde. Wie sie zweifelte und als nicht zuverlässig in die Kartei wanderte. Carolin Würfel erzählt von Maxie Wander, die als Elfriede Brunner mit ihrem 20 Jahre älteren Mann freiwillig in die DDR auswanderte. Wie sie eigentlich fotografierte und mit „Guten Morgen, du Schöne“ nicht nur berühmt wurde, sondern auch den so unterschiedlichen Frauen in der DDR ein Denkmal setzte, das bis heute nichts an Spannkraft verloren hat. Wie sie ihre Tochter Kitty durch einen tragischen Unfall verlor. Und wie auch Maxie Wander den Kampf gegen den Krebs verlor.

Der Aufbau des Buches ist in drei Abschnitte „Politisches Erwachen“, „Ankunft im Alltag“ und „Träume platzen“ gegliedert. Innerhalb dessen wechselt die Perspektive auf die Frauen ohne vorhersehbares Muster, die Vornamen bilden die jeweiligen Zwischenüberschriften. Hinsichtlich des vergleichenden Charakters des Buches kann so zumindest gut nachvollzogen werden, wer was in einem ähnlichen Zeitabschnitt getan hat. Vor allem im dritten Teil des Buches gelingt es Würfel zu zeigen, warum sie sich die drei Frauen ausgesucht hat: Weil deren Werdegang durchaus nicht nur Parallelen aufweist, sondern es vor allem untereinander Freundinnenschaft gab und sich die Frauen in unterschiedlicher Intensität aufeinander bezogen.

Ein Wissenschaftsroman?

Bereits am Anfang des Buches zeigen sich mehrere Irritationen, die sich im Laufe der Lektüre nicht auflösen, in Teilen sogar verstärkt werden: So ist nicht ganz klar, was die Leser*innen eigentlich vor sich haben: ein Sachbuch, eine Biografie, ein Roman? Als Biografie kann es nur oberflächlich bleiben, da wie bereits beschrieben die Leben der drei Frauen so vielschichtig waren, und sie darüber hinaus so viel Schriftgut in Form von Manuskripten, Tagebüchern und Briefwechseln hinterlassen haben, dass ein Buch von 250 Seiten das gar nicht abdecken kann.

Nun erhebt das Buch nicht den Anspruch, all dem gerecht zu werden und biografisch vollständig zu sein. Es wäre demnach nicht fair, es daran zu messen. Dennoch bleibt die Intention dieses Buchs fraglich. Ob es nun ein Sachbuch ist, mit entsprechender nachvollziehbare Quellengenauigkeit oder ein Roman mit entsprechender künstlerischer Freiheit, kann während des Lesens nicht geklärt werden. Und tatsächlich stört das irgendwie.

So werden in jedem der drei Frauenportraits die Gedanken und Gefühle der Porträtierten niedergeschrieben, jedoch ist nicht ersichtlich, woher das genaue Wissen der Autorin darüber kommt, wie sich Reimann, Wolf, Wander an einen konkreten Tag im Nachkriegsdeutschland gefühlt haben. Dies würde für die Fiktion eines Romans sprechen, der auf wahren Tatsachen beruht, beispielsweise hier:

„Christa Wolf sass in ihrer Wohnung – zwei Zimmer zur Untermiete – im Leipziger Stadtteil Gohlis und auf einer unbequemen Bank neben dem weit geöffneten Fenster und blickte erschöpft nach draussen. Stumpfes Haar. Müde Augen. Fahle Haut. Vor ihr zwei Umschläge und beschriebene Papierbögen; Hoffnungen gegen Trübsinn.“ (S. 53)

Irritierend ist aber, dass immer wieder mit direkten Zitaten gearbeitet wird, deren Ursprung jedoch nicht verraten wird. So etwa hier: „Sie [Brigtte Reimann] nennt sich – kein Scherz: ‚Der erste Mann im Staat‘.“ (S. 48) Für ein Sachbuch müsste man also schlechte Quellenarbeit bescheinigen.

Dass es anders gehen würde, zeigt beispielsweise der Roman „Exil der frechen Frauen“ von Robert Cohen aus dem Jahr 2009. Das Sujet ist im Grunde genommen das gleiche: Es geht um drei Schriftstellerinnen und Kommunistinnen, deren Leben und Werk, ihren tiefen Glauben in und ihre Enttäuschungen durch den „Kommunismus“. Der Roman zeigt, dass man durchaus ein sehr genaues Quellenstudium machen kann – welches sich im Detail im Roman niederschlägt – und trotzdem literarisch die miteinander verwobenen Lebenswege von verschiedenen und doch so gleichen, weltweit bekannten Persönlichkeiten sehr einfühlsam und mit der einem Roman gebotenen künstlerischen Freiheit erzählen kann.

Der Ehemann

Eine weitere Merkwürdigkeit, der sich Carolin Würfel durchaus bewusst ist, ist die Beschreibung der Frauenleben über ihre (Ehe-)Männer. „Ein Frauenleben über Männergeschichten zu beschreiben und zu begreifen ist blödsinnig und eindimensional. Reimanns Männergeschichten und Eroberungen spielen beim Blick auf die Schriftstellerin jedoch tatsächlich eine Rolle“ (S. 122). So werden zuerst Fred Wander und Gerhard Wolf und ihre Biographien vorgestellt und welchen Einfluss sie auf Maxie, also Elfriede Brunner, und Christa Ihlenfeld hatten. Aus feministischer Perspektive ist dieses Vorgehen irritierend. Ebenso irritiert, dass die Beschreibung des unkonventionellen Lebensstils der Reimann als „unnormal“ beschrieben wird. Ihr Portrait bleibt bei ausschweifenden Männergeschichten und schier unbändiger Lebenslust stehen und wird ihrem, in der prüden DDR-Gesellschaft durchaus devianten Lebensstil, nicht gerecht.

Natürlich ist es interessant, wie (feministische?) Frauen ihren Alltag bestreiten, vor allem in einer Zeit und Gesellschaft, die stark normiert war. Gerade deswegen sollten die Männer, die unbestritten bei allen drei Frauen auch eine prägende Rolle einnahmen, über ihre famosen Ehefrauen erzählt werden – und nicht anders herum. Denn, und die Quellen kennt Würfel, wie sowohl das Buch als auch die knappe Literaturangabe am Ende des Buches zeigt: Die Frauen könnten über sich selbst, in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, so viel erzählen, die Freundinnenschaften könnten die Zentrale des Buches darstellen – und sich damit auch abgrenzen zur bereits vorhandenen reichhaltigen Literatur, die in den Dreien vor allem die erfolgreichen, teilweise staatskonformen, Schriftstellerinnen sieht. Schade, dass diese Chance in „Drei Frauen träumten vom Sozialismus“ teilweise verpasst wurde.

Friederike Jahn
kritisch-lesen.de

Carolin Würfel: Drei Frauen träumten vom Sozialismus. Maxie Wander, Brigitte Reimann, Christa Wolf. Hanser Berlin, München 2022. 269 Seiten. ca. SFr. 26.00. ISBN: 978-3-446-27384-9.

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